Thursday, October 17, 2013

Vom Staub der Anden in den Horizont



Hallo ihr alle,

die ihr begierig danach seid, fremde Kulturen zu erleben und gleichzeitig etwas Gutes für die ärmsten Menschen der Welt zu tun. Ich möchte euren Informationsdurst stillen, indem ich euch von meiner Arbeit und meinen Erlebnissen in Bolivien erzähle. Kurz zu meiner Person: Ich komme aus München, bin Mitte zwanzig und studiere Soziale Arbeit. Ich wollte mein sechsmonatiges Praxissemester unbedingt in Lateinamerika verbringen und mir wurde von Bekannten Proyecto Horizonte empfohlen.



Die Einrichtung

Proyecto Horizonte befindet sich auf den Hügeln vor Cochabamba, an deren Hängen früher Bergbau betrieben würde. Heute sind die Mienen stillgelegt, aber die Menschen sind dort geblieben und leben unter schwierigen Verhältnissen. Das Klima ist sehr trocken und windig. Es gibt keine Wasserversorgung, so wie wir sie aus Deutschland kennen, sondern es fahren riesige Wassertanker in die Siedlung und füllen Kanister auf den Dächern der Häuser auf. Die Menschen in Mineros San Juan haben daher nur eingeschränktem Zugang zu sauberen Wasser.



Viele von ihnen finden zudem keine Arbeit und verfügen über keinen Schulabschluss. Manche versuchen durch kriminelle Aktivitäten über die Runden zu kommen und die Furcht vor Diebstählen ist allgegenwärtig: Fast alle Häuser in Mineros San Juan sind von einer Mauer mit Stacheldraht oder eingemauerten Scherben eingezäunt. Proyecto Horizonte versucht die Lebensumstände dieses Ortes durch umfassende Bildungsangebote und humanitäre Dienstleistungen zu verbessern. Neben Kindergarten, Schule, Abendschule für Erwachsene und Gesundheitsdiensten werden vor Ort zahlreiche Bildungsmaßnahmen, Kampagnen und Freizeitangebote organisiert und die Bürger umfassend an der Entwicklungshilfe beteiligt. Der Großteil der Mitarbeiter sind Bolivianer, die sich mit großem Engagement und vielen kreativen Ideen für die Verbesserung des belastenden Ortes einsetzen. Um mit ihnen zusammen arbeiten zu können, aber auch um eigene Projekte in die Tat umzusetzen, ist es unabdingbar Spanisch zu lernen. Es besteht zwar auch die Möglichkeit vor Ort Spanischunterricht zu nehmen, aber es wird euch sehr viel leichter fallen, wenn ihr in Deutschland bereits einen oder am besten mehrere Sprachkurse absolviert habt. Nur die wenigsten Leute sind des Englischen mächtig, aber dafür sprechen sie im Vergleich zu anderen Regionen Lateinamerikas klar verständliches Spanisch.

Cochabamba und Umgebung

Diejenigen von euch, die ich durch meine Beschreibung von Mineros San Juan abgeschreckt habe, möchte ich an dieser Stelle zurück ins Boot holen. Die Wohnungen in der Innenstadt von Cochabamba sind für deutsche Verhältnisse riesengroß und supergünstig. Dort gibt es (fast) immer fließendes Wasser, Strom, unter Umständen auch WLAN und es ist bei Einhaltung von Sicherungsmaßnahmen auch weitgehend diebstahlsicher.

   
 
Mineros San Juan

Innenstadt Cochabamba


Das Land ist sehr vielfältig. Die Andengipfel neben der Stadt laden zum Bergsteigen ein, mit dem Bus kann man innerhalb von ein paar Stunden wunderschöne Nationalparks besuchen und auch der Regenwald ist innerhalb kurzer Zeit erreichbar.



Eigene Erlebnisse


Die Aufnahme meines Praktikums verlief unkompliziert. Meine E-Mails wurden zügig beantwortet und ich erhielt alle notwendigen Informationen. Auch die notwendigen Anforderungen meiner Universität zur Anerkennung der Praktikumsstelle bereiteten keine Probleme. Ich wurde sehr freundlich von den Mitarbeitern aufgenommen und bereits am ersten Tag meiner Ankunft zu gemeinschaftlichen Tätigkeiten nach Feierabend eingeladen.



Dennoch war die Anfangszeit sehr schwierig für mich, da ich große Probleme damit hatte die Leute zu verstehen und es auch keine Aufgaben im Proyecto Horizonte gab, die nur darauf warteten von mir erfüllt zu werden. In den ersten zwei Wochen kam es öfter mal vor, dass ich nichts zu tun hatte, mich nutzlos fühlte und an mir zweifelte. Sollte es euch genauso gehen wie mir, kann ich euch nur raten, habt Geduld und hört nicht auf zu kämpfen. Nutzt die freie Zeit zum Spanisch lernen, denn mit dem erweiterten Sprachverständnis öffnet sich auch der Blick für neue Aufgaben. Meine Ohren brauchten Zeit, um sich auf die ungewohnten Silben einzustellen. Am Anfang verstand ich nur einzelne Worte, dann wurden daraus einfache Sätze, die sich aus dem Sinnzusammenhang ergeben, und nach sechs Wochen konnte ich
erste Unterhaltungen mit Tiefgang führen.
Mittlerweile muss ich eher darauf achten, dass mir die Arbeit nicht zu viel wird. Die Zeit fliegt nur so dahin und ich muss schauen, dass ich meine Projektideen alle unter einen Hut bekomme. Deswegen empfehle ich, euch bereits daheim in Deutschland zu überlegen, welche Ideen ihr habt und wie ihr sie umsetzen könnt, und dass mit den Mitarbeitern bereits im Vorfeld zu kommunizieren. Die Mitarbeiter von Proyecto Horizonte sind sehr offen für eure Ideen und Vorschläge, allerdings müsst ihr den Großteil der Arbeit dann auch alleine stemmen. Ich möchte ermutigen genau das zu tun. Ihr werdet kein Geld und nur wenig Anerkennung für eure Arbeit hier bekommen. Aber wenn ich zum Beispiel sehe, mit welcher Begeisterung ein sechsjähriger Junge in total verschmutzen Kleidern und abgerissenen Badelatschen Fußball spielt und meinte, er möchte weiter trainieren, während die anderen Kinder Pause machen, geht mir das Herz auf. Nirgendwo sieht man den Wert der Arbeit deutlicher als im Lächeln der Kinder. Vor allem wenn der Horizont düster und voller Schatten ist, braucht es Menschen, die einem den Weg zum Licht zeigen. Es sind nicht nur die Menschen aus Mineros San Juan, die mich brauchen, ich brauche sie auch.







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